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Stadtblatt Lingen

Lingen, Dienstag der 19. März 2019

Forum Juden-Christen erinnert an Pogromnacht

Die Konfirmanden und die Kirchenvorstandsvorsitzende Julia Keßler (rechts) riefen das unsägliche Leid der Menschen in Erinnerung, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden.Gottesdienst in der Johanneskirche

Lingen. Pastor Philipp Wollek, Konfirmanden und die Kirchenvorstandsvorsitzende Julia Keßler riefen am Sonnabend in der Kirche der ev.-luth. Johanneskirchengemeinde an der Schützenstraße das unsägliche Leid der Menschen in Erinnerung, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Darunter waren Frauen, Männer Jugendlichen und Kinder der jüdischen Gemeinde aus Lingen, die in Viehwaggons gepfercht in die Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau oder Theresienstadt transportiert wurden.

Nur wenige Menschen hatten sich in der Johanneskirche versammelt – das Gotteshaus war nicht einmal halb gefüllt -, um an dem Gottesdienst mit Pastor Philipp Wollek des Nazi-Terrors zu gedenken. Opfer des Regimes aus Lingen waren auch Henriette Flatow, Gymnasialstraße 12 in Lingen, geboren am 18. Januar 1866 in Wormdith, ermordet am 20. Januar 1943 in Theresienstadt, und Emma Wolff (geb. Eisenstein), Marienstraße 4 in Lingen, geboren am 7. Juli 1878 in Büren, ermordet am 11. Juli 1944 in Auschwitz-Birkenau.

Die Menschen dürften niemals aufhören, hinzuschauen und zu protestieren. Alle müssten an den 9. November 1938 mit den schrecklichen Verbrechen denken, um ein Vergessen zu verhindern und dadurch eine friedliche Zukunft sicherzustellen, forderte Pastor Philipp Wollek.Durch die Nazis wurden aus Haren und Meppen folgende Menschen jüdischen Glaubens umgebracht: Rosalie Baumgarten (geb. Spiegel), geboren am 17. Dezember 1860 in Enniger, ermordet am 24. August 1942 in Theresienstadt, Louise Bruchholder (geb. Goldberg), geboren am 17. Februar 1880 in Hären, ermordet am 11. Juli 1944 in Auschwitz-Birkenau, Levi Sternberg, geboren am 21. Februar 1867 in Hären, ermordet am 21. Oktober 1942 in Theresienstadt, Bela de Vries (geb. Mindus), geboren am 11. Oktober 1887 in Papenburg, ermordet am 20. Oktober 1944 in Auschwitz-Birkenau, Minna de Vries, geboren am 31. Juli 1923 m Hären, ermordet am 3. Oktober 1944 in Auschwitz-Birkenau, sowie Sally de Vries, geboren am 17. Juli 1881 in Hären, ermordet am 22. September 1942 in Buchenwald.

Für Pastor Philipp Wollek und die Konfirmanden stehe der 9. November 1938 für das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte, für einen Zivilisationsbruch, den viele nicht für möglich gehalten hatten und der bis heute unbegreiflich sei.Am 9. November 1938 wurde der jüdischen Bevölkerung unsagbar großes Leid zugefügt. Bis zu jenem 9. November war die jüdische Schule in Lingen ein ganz gewöhnlicher Ort in der Stadt. Seit einem 9. November wurde alles anders: 1938 brannten in Deutschland die Synagogen - auch in Lingen. Die Schule war aber nur wegen der Feuergefahr für die umliegenden Häuser nicht angezündet worden: Die Feuerwehr hatte von den Nazis die Order bekommen, nur die Nachbarhäuser zu schützen.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November zerstörten Gestapo- und Parteileute der SA und der SS die Synagoge und niemand griff ein. Damit wurden die Menschen jüdischen Glaubens verhöhnt und erniedrigt. Nicht nur irgendwo in der Welt, sondern an bekannten Orten seien schreckliche Verbrechen begangen worden. Auch die Gedanken an das Novemberpogrom in Lingen dürfe niemals ihre Düsterheit verlieren, forderten die Konfirmanden und Pastor Philipp Wollek in den Fürbitten.

Für Pastor Philipp Wollek und die Konfirmanden stehe der 9. November 1938 für das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte, für einen Zivilisationsbruch, den viele nicht für möglich gehalten hatten und der bis heute unbegreiflich sei.Für die Jugendlichen stehe der 9. November 1938 für das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte, für einen Zivilisationsbruch, den viele nicht für möglich gehalten hatten und der bis heute unbegreiflich sei. Sie betonten: „Die Menschen dürfen diese unbegreiflichen Geschehnisse nicht vergessen und deshalb müssen sie ihrer gedenken." Gedenken bedeute die Vergangenheit wieder sicht- und greifbar zu machen. Das sei insbesondere für diejenigen sehr wichtig, die sie nicht selbst erlebt hätten. Deshalb werde das Geschehen des 9. Novembers ins Gedächtnis gerufen. Die Zeit des Leides und der Schmerzen der Mitbürgerinnen und Mitbürger jüdischen Glaubens sei für viele der heute Lebenden längst Geschichte.

Man muss sich fragen, wie das Gedenken und die Geschichtsvermittlung in Zukunft sichergestellt werden kann und die nachfolgenden Generationen einen Zugang zu etwas eigentlich Unvorstellbarem findet: Sechs Millionen ermordete Menschen jüdischen Glaubens ist, so schrecklich es klingt, nur eine Zahl. Was die Verfolgung für diese Menschen wirklich bedeutete, vermittelt sich nur durch die Betrachtung der Einzelschicksale wie der in England lebenden Ehrenbürgen von Lingen, Ruth Foster-Heilbronn und Bernhard Grünberg, oder der in diesem Jahr in Nordhorn verstorbenen Hella Wertheim.

Dieses Häftlingskleid trug Ruth Foster-Heilbronn im KZ Stutthof und auf dem Todesmarsch. Ihre KZ-Nummer war 61893.Aus der Geschichte lernt man nicht, was man machen soll, sondern man lernt, was man bedenken muss. Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus sind in unserem Land nicht verschwunden. Auch heute noch greift rechtsextremes Gedankengut in ganz Europa um sich. Die Methoden verändern sich, denn inzwischen versuchen Rechtsextremisten ihre Ideologie durch Arbeit in Vereinen und Bürgerinitiativen versteckt zu verbreiten. Ihr Ziel ist, das ihnen durch die demokratische Grundordnung zugesicherte Recht nutzend, die Beseitigung der Demokratie.

Die Menschen dürfen niemals aufhören, hinzuschauen und zu protestieren. Alle müssen an den 9. November 1938 mit den schrecklichen Verbrechen denken, um ein Vergessen zu verhindern und dadurch eine friedliche Zukunft sicherzustellen. Darin wurde auch bei der Kranzniederlegung am „Lern- und Gedenkort Jüdische Schule" erinnert. Anschließend erklärte Gertrud Anne Scherger, die in ihrem Buch „Verfolgt und ermordet" auf die Verfolgungsgeschichte der Juden aus dem Raum Lingen eingeht, an den Stolpersteinen, dass die acht jüdische Menschen, die im Lingener Judenhaus untergebracht waren, am 29. Juli 1942 mit dem Zug von Lingen nach Münster transportiert wurden. Der dort eingesetzt Deportationszug habe mit 1000 Menschen jüdischen Glaubens nach dreitägiger Fahrt Theresienstadt erreicht.

Auf dem Bahnhof in Lingen sei Emma Wolff noch einmal gesehen worden. Josefa Frommen (geb. Möddel) aus Bedburg habe angeregt durch die Lingener Ausstellung „Verfolgt - deportiert - ermordet" in einem Brief an ihre Nichte Marlene Große-Berg vom 19. Dezember 1991 von dieser Begegnung berichtet. Josefa Frommen habe in dem Menschengewirr Emma Wolff erkannt und angesprochen, sei aber von ihr abgewiesen worden. Emma Wolff habe dies mit der Gefahr durch die Nazis begründet, die Josefa Frommen erwarte. Fotos: © Lindwehr

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